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Warum Achtsamkeit im Coaching keine Methode ist. Ein reflektierter Blick aus der Praxis

Es gibt eine Phase im Arbeiten mit Menschen, in der Methoden tragen.

Sie geben Orientierung, Sicherheit und Struktur. Sie helfen, einen Rahmen zu schaffen und erste Schritte zu gehen.

Und dann gibt es einen Punkt, an dem Methoden nicht mehr greifen.

Nicht, weil sie falsch sind.

Sondern weil sie zu eng werden.

Ich begegne immer wieder Menschen – Coaches, Yogalehrern, Beratern –, die diesen Punkt erreichen. Oft können sie ihn nicht sofort benennen. Aber sie spüren ihn. In Gesprächen, in Begleitungen, in sich selbst.

Etwas fehlt.

Oder genauer: Etwas lässt sich nicht mehr tun.


Wenn Achtsamkeit zur Technik wird

Achtsamkeit ist heute überall. In Kursen, Apps, Ausbildungen, Programmen. Sie wird vermittelt, erklärt, trainiert. Oft mit dem Versprechen, ruhiger, klarer oder leistungsfähiger zu werden.

Das Problem ist nicht Achtsamkeit. Das Problem ist, wenn sie zur Methode gemacht wird.

Denn eine Methode hat immer ein Ziel. Und ein Ziel erzeugt Druck – subtil oder offen.

Ich habe erlebt, wie Menschen versuchen, achtsam zu sein. Wie sie sich beobachten, bewerten, korrigieren. Wie Achtsamkeit zu einer weiteren Aufgabe wird.

In solchen Momenten ist sie nicht mehr das, was sie ursprünglich meint.


Achtsamkeit beginnt dort, wo nichts mehr gemacht wird

In meiner Arbeit zeigt sich immer wieder:

Achtsamkeit wird erst dann wirksam, wenn sie nicht mehr eingesetzt wird.

Wenn niemand versucht, etwas zu erreichen. Wenn kein Zustand angestrebt wird. Wenn Wahrnehmung einfach geschehen darf.

Das ist kein romantischer Gedanke, sondern eine sehr praktische Erfahrung.

Gerade im Coaching – im echten Kontakt mit einem Menschen – lässt sich nichts erzwingen. Präsenz entsteht nicht durch Technik, sondern durch Bereitschaft.

Bereitschaft, da zu sein. Bereitschaft, nicht zu wissen. Bereitschaft, den Prozess nicht zu kontrollieren.


Warum das im Coaching entscheidend ist

Im Coaching begegnen uns Menschen oft in Übergängen.

Sie kommen nicht, weil sie eine Methode suchen, sondern weil etwas ins Wanken geraten ist.

Beruflich. Persönlich. Innerlich.

In solchen Phasen greifen Tools nur begrenzt.

Was gebraucht wird, ist ein Raum, der trägt – ohne zu lenken.

Achtsamkeit im Coaching bedeutet dann nicht, Übungen anzuleiten oder Techniken einzusetzen. Sondern präsent zu bleiben, auch wenn es unklar wird.

Diese Form von Achtsamkeit lässt sich nicht standardisieren. Sie ist keine Kompetenz im klassischen Sinn, sondern eine Haltung.


Haltung statt Technik

Haltung zeigt sich nicht darin, was jemand sagt oder tut.

Sie zeigt sich darin, wie jemand anwesend ist.

Ob jemand zuhören kann, ohne sofort zu reagieren. Ob jemand Spannung aushält, ohne sie aufzulösen. Ob jemand Verantwortung für den Raum übernimmt, ohne ihn zu dominieren.

Diese Haltung entsteht nicht durch Wissen. Sie entsteht durch Erfahrung – und durch die Auseinandersetzung mit sich selbst.

Das ist der Punkt, an dem viele merken:

Eine weitere Methode bringt mich nicht weiter.


Achtsamkeit und Verantwortung

Ein weiterer Aspekt, der mir wichtig ist, wird selten offen angesprochen: Verantwortung.

Wer mit Menschen arbeitet, trägt Verantwortung – auch dann, wenn er nicht therapeutisch arbeitet.

Achtsamkeit im Coaching bedeutet nicht, alles geschehen zu lassen.

Sie bedeutet:

  • Grenzen zu erkennen

  • Zuständigkeiten zu klären

  • zu wissen, wann Begleitung sinnvoll ist – und wann nicht

Gerade weil Achtsamkeit offen und weit ist, braucht sie Klarheit.

Ohne diese Klarheit wird sie unscharf – oder überfordernd.


Wenn Achtsamkeit integriert wird

Ich erlebe immer wieder, wie sich etwas verändert, wenn Achtsamkeit nicht mehr als Methode verstanden wird, sondern als gelebte Praxis.

Gespräche werden langsamer.

Pausen bekommen Raum.

Antworten müssen nicht sofort kommen.

Diese Form von Achtsamkeit lässt sich nicht „anwenden“.Sie wirkt, weil sie verkörpert ist.

Und genau deshalb ergänzt sie viele bestehende Arbeitsfelder so gut: Yoga, Körperarbeit, Beratung, Coaching.

Nicht als Zusatz, sondern als Vertiefung.


Ein persönlicher Blick

Rückblickend sehe ich, dass mein eigener Weg genau hier entlanggeführt hat.

Von Methoden – hin zu Präsenz.

Von Konzepten – hin zu Verantwortung.

Nicht, weil Methoden falsch wären. Sondern weil sie irgendwann nicht mehr ausreichen.

Achtsamkeit beginnt dort, wo nichts mehr optimiert werden muss. Und Coaching wird dort wirksam, wo jemand bereit ist, diesen Raum zu halten.


Abschließende Gedanken

Achtsamkeit im Coaching ist keine Technik, die man beherrscht. Sie ist eine Praxis, die sich mit dem eigenen Leben entwickelt.

Wer diesen Weg geht, merkt schnell:

Es geht weniger darum, etwas zu tun. Und mehr darum, etwas zu lassen.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum Achtsamkeit dann am stärksten wirkt, wenn sie nicht mehr als Methode verstanden wird.

Wenn du dich grundsätzlich mit dem Weg des Mindfulness Coachings beschäftigst, findest du hier eine ausführliche Orientierung zum Thema Mindfulness Coach werden:
 
 
 

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